Novellen
von
Adine Gemberg.

Berlin.
S. Fischer, Verlag.
1895.
| Seite | |
| Morphium | 3 |
| Nach dem Tode | 103 |
| Doctor Cäcilie | 159 |


Adine Gemberg.


In einer Ecke des städtischen Kirchhofes wargroßer Kehraus. Zusammengethürmt lagendort welke Kränze und Palmen, alle gleichmäßig graubraun,als wären sie nie bunt und farbenprächtiggewesen. Hie und da sah das schmutzige Ende einerAtlasschleife oder eine schwarz gewordene Goldfranzeaus dem Gewirr hervor. Alte Weiber mit braunen,welken Armen und häßlichen, gleichgültigen Gesichternstachen mit Mistgabeln hinein in den Haufen ehemaligerGaben der Pietät, oder vielleicht auch nurder Convenienz. Gedankenlos schleuderten sie dieKränze auf einen Karren, und ein altes, blindes Pferdhumpelte mühsam damit fort, um die Abfälle desFriedhofes dahin zu bringen, wo aller Müll undSchutt aus der Stadt abgeladen wurde.
Mariä Himmelfahrt stand vor der Thür; deshalbwar es nothwendig, den Kirchhof frei und sauberzu machen für die Aufnahme neuer Liebesgaben,neuer Kränze, neuer Palmen.
»Gelobt sei'st du Maria,« sagte eines der altenWeiber und riß die braune Guirlande von dem Steinbildeder heiligen Jungfrau los, um sie zu denübrigen Kränzen zu werfen.
»Und gebenedeiet in Ewigkeit, Amen,« fügte dieandere Alte hinzu.
Dann grüßten sie beide ehrerbietig und traten zurSeite, um zwei Nonnen Platz zu machen, die mitBlumen und Kerzen erschienen, das Bild der Himmelsköniginzum Feste zu schmücken.
Die Schwestern beugten die Kniee vor der rohgearbeiteten Statue und begannen darauf, sie sofreundlich und farbig wie möglich heraus zu putzen.
Eine schlanke, bleiche Dame in eleganter Sommertoilettebetrat den Kirchhof. Sie grüßte das Marienbildund dann die Schwestern. »Zünden Sie auchfür mich eine Kerze an,« sagte sie näher tretend unddrückte ein Geldstück in die Hand einer der Nonnen.Darauf nickte sie den Schwestern zu und ging langsamnach der Reihe der Erbbegräbnisse.
Neugierig näherten sich die beiden alten Arbeiterinnendem Gnadenbilde. »Was mag denn dieFrau Geheimräthin für Kummer haben, daß sie eineKerze opfert,« begann die Eine.
»Wer weiß denn, ob es wegen einer Fürbitte ist;so reiche Leute haben der Allerheiligsten nur zu dankenund können nicht