KLAGEN
EINES KNABEN

VON
CARL EHRENSTEIN

LEIPZIG
KURT WOLFF VERLAG
1916

Sechster Band der Bücherei
»Der jüngste Tag«.
Zweite Auflage

COPYRIGHT 1916 BY KURT WOLFF VERLAG • LEIPZIG
GEDRUCKT BEI E. HABERLAND IN LEIPZIG-R.

MEINEM BRUDER ALBERT

Und hundert Jahre nach dem Tode dessen, derkein Erlöser war, kam ich in den Körper einesanderen Menschen. Der Träger meines Körperswurde Caj Rolo genannt. Er war in Sklaverei zur Sklavereigeboren. Von Geburt an bis zum Tode kannte ernur Heulen und Zähneklappern. Mutter schlug ihn, Vaterauch. Aufseher stieß ihn. Kinder warfen ihn her undhin. Hunde bissen ihn, und traurig fragte er sich immer:„Warum?“ Als er so groß wie ein Spaten war, mußteer einem solchen dienen. Bevor noch Sonne schien, undlange nachdem sie erloschen war, ununterbrochen, hindurchden langen Zeitraum eines Tages und einer halbenNacht, mußte er das Werkzeug bedienen. Und oftschlug ihn da der Spaten auch. Einst, als er wiedervon allen geschlagen war, weinte der Knabe und dachtezu sich: „Soll ich Armer denn zeit meines Lebens, daich in Sklaverei geboren wurde, Sklave sein, gekränktwerden von Menschen, Tieren, Dingen? Soll nie Sonnemich ruhend sehen, nie Freuden und Mädchen michfreuen? Soll ich ewig arbeiten und nie leben? Kann ichdas Leben nicht finden, so will ich den Tod suchen!“Der Knabe ging aber aus, das Leben zu finden, —nicht den Tod zu suchen, doch kam er an ein weitesWasser, und da setzte er über — das Leben . . .

Ich flog über das Wasser. Lange schwebte ich mitVögeln in der Luft, bis ich mich hinabließ, in demKörper eines befruchteten Weibes zu landen. Menschenkamen und töteten im Namen dessen, dessen Namensie geraubt, und dessen Worte: „Füget eurem Nächstennicht Übles zu!“ sie nicht erhört hatten, das Weib . . .Ich entging der Frucht und flog in ein fernes Meer zumLande der schwarzen Menschen. Dort fand ich Leutevor, die sich Missionäre der großen Seele nannten, dieaber Missionäre nur des eigenen Leibes waren. Sieverwirrten die Seelen der Eingeborenen, verwüstetenihre Körper und Länder. Ich war in den Körper einesNegers gekommen. Chwala nannte ihn die Mutter, alssie ihn sah. Sie liebte ihn und tat ihm Gutes.

Kamen die Weißen zu dieser Familie. Den Vatervergifteten sie mit heißem Wasser, der Mutter zerschmettertensie den Kopf mit einem eisernen Kreuz,die Schwestern fesselten sie und nahmen sie in ihreHäuser, und Chwala und seinen jungen Brüdern zerschnittensie die Sehnen im Knie und warfen sie in dieBergwerke zur Arbeit. In dauernder Nacht, unter derErde, mußte Chwala graben. Faules Wasser bekamer zu trinken, faule Überbleibsel zu essen. Manchmal,wenn die Aufseher besonders stark mit dem heißenWasser gefüllt waren, bekam er nichts als Faustschläge.Seine Wunden im Knie eiterten. Eiter fraß Fleisch undKnochen. Der Körper war aber stark und starb nicht.Ein Aufseher war über Chwala sehr erbost. In einerNacht verlangte er von ihm, er möge ihm die Füßeküssen. C

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