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Zwei Erzählungen
von
Ricarda Huch

Im Insel-Verlag zu Leipzig
21.–30. Tausend
[Seite 3]
In Jeddam gab es nur einen einzigen Juden, der auffolgende Weise dorthin verschlagen war: Seine Frau,mit der ihn treueste Liebe verband, war aus Jeddam gebürtig,und als ihr Vater mit Hinterlassung bedeutenderLändereien starb, war es wünschenswert, daß sie sich zurRegelung ihrer Erbschaft selbst hinbegebe. Mit der Möglichkeit,das Vaterhaus wiederzusehen, erwachte in ihr dasHeimweh, und die Familie, die aus Vater, Mutter undzwei kaum erwachsenen Kindern bestand, trat die weiteReise an. Da nun der Ort Jeddam, mit mehr dörflichemals städtischem Charakter, so trotzig und anmutig zwischenmäßig hohen Bergen, reichen Saatfeldern und grünen Geländenlag, die das Flüßchen Melk bewässerte, und da dieFrau sich in ihrer vertrauten Kinderheimat so wohl fühlte,willigte der gutmütige Mann ein, ganz und gar überzusiedeln.Er konnte freilich nicht daran denken, das großeGut seiner Frau selbst zu bewirtschaften, sondern stellte dazueinen jungen Verwalter an, während er selbst ein Geschäftin dem Ort eröffnete, wie er es früher betriebenhatte. Da es ein solches in Jeddam bisher nicht gegebenhatte und die Einkäufe in der nächsten größeren Stadtbesorgt worden waren, hätte das Geschäft wohl gedeihenkönnen, wenn nicht der Inhaber ein Jude gewesen wäre,von welchem Volke die Bewohner von Jeddam durchausnichts wissen wollten. Verkauft wurde zwar genug, aberwenig bezahlt, und wenn Herr Samuel die ausstehendenGelder einklagen wollte, mußte er erleben, daß sich dieBehörden seiner nicht annahmen und er höchstens Prozeßkosten[Seite 4] zahlen mußte, ohne zu seinem offenkundigen Rechtkommen zu können. Es machte ihm oft Sorgen, was darauswerden sollte, und er wäre gern mit den Seinigen auf unddavon gegangen, wenn er gewußt hätte, wie er in dieserfeindseligen Umgebung zu seinem Gelde kommen und dieGüter seiner Frau ohne zu großen Schaden verkaufen sollte.
Eine Reihe von Jahren ging es so weiter, bis eines TagesHerr Samuel krank wurde und nach dem Arzte im nächstenStädtchen schickte; als er auf seine zweite Bitte, schleunigzu kommen (denn die erste hatte keinerlei Erfolg gehabt),die Antwort erhielt, der Doktor sei sehr beschäftigt und bedaure,dem Rufe nicht Folge leisten zu können, wurde esihm unheimlich z