Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt.Im Original gesperrter Text ist so ausgezeichnet.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sicham Ende des Buches.

Signet

Hermann Löns

Titel

Das zweite Gesicht

Eine Liebesgeschichte

Sechzehntes bis dreiundzwanzigstes Tausend

Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena 1917


[1]

Vorspuk

Die Brennhexe lag im Moore und schlief. Da kam der Südostwindangegangen und kitzelte sie mit einem Grashalm inder Nase, so daß sie niesen mußte, und davon wachte sie auf.

Sie gähnte herzhaft, reckte sich, sprang auf, schüttelte ihreRöcke zurecht, klopfte sich die Schürze glatt, bückte sich übereine Torfkuhle, um zu sehen, ob ihr Haar noch in Ordnungsei und ob die Haube nicht schief sitze, stemmte die Hände aufdie strammen Lenden, wiegte den Kopf hin und her, lächelte,summte eine frische Weise vor sich hin und tanzte los.

Schön war das anzusehen, wie sie sich herumdrehte, daßder feuerrote Rock, die knallgelbe Schürze und die schwarzenBindebänder an der goldenen Haube nur so flogen; soschön war das anzusehen, daß dem dürren Moose, dem mürbenWollgrase und dem trockenen Haidkraute ganz sonderbarzu Mute wurde, denn sie bekamen allerlei Hübsches zusehen: die Schleifenschuhe mit den roten Absätzen, die weißenStrümpfe mit den grünen Zwickeln, die blauen Strumpfbänderund was es sonst noch gab. Darum verliebte sich alles,über dem der rote Rock und das weiße Hemd sich drehte, sosehr in sie, daß es auf einmal lichterloh brannte, sogar derstumpfsinnige Torf; aber als er mit heißen Händen nach denstrammen Waden packte, juchte die Brennhexe auf und sprangein Ende weiter.

So ging es eine ganze Weile. Sie tanzte hier, sie tanzte da;aber sobald die Flammen sie in die Beine kneifen wollten, wipps[2]war sie schon anderswo und drehte sich dort umher, und ginges da ebenso, wupps war sie wieder fort, und die Flammenmachten lange Hälse hinter ihr her.

Doch auf die Dauer wurde ihr das ledige Tanzen zu langweilig;sie blieb stehen, daß das weiße Hemd über der rundenBrust auf- und abging, hielt die Hand über die Augen undsah über das Moor, das ganz weiß vom Wollgrase war.

Mit einem Male erblickte sie dort, wo hinter den BirkenbüschenWasser blitzte, etwas Rotes, das hin- und hersprang,und das war ein menschliches Angesicht, und es gehörte zueinem Manne im grünen Rocke, der ein Schießgewehr auf demRücken trug, an dem Rucksacke drei Birkhähne hängen hatte,und mit dem Springstocke über die Gräben und Abstiche hinwegsetzte.

»Deubel auch!« sprach die Brennhexe und lachte; »das istaber ein glatter Danzeschatz für mich; der kommt mir geradepaßlich.« Sie ging schneller, aber sie konnte den Mann nichteinholen. Sie hielt die Hände um den Mund und rief: »He, du!«,aber der Jäger hörte sie nicht. Sie versuchte zu flöten; doch damithatte sie erst recht kein Glück.

So lief sie denn, was sie laufen konnte, blieb ab und zu stehenund schrie: »He!« und »Holla!« oder »Teuf!«, bis der Mann,als sie schon ganz außer Atem war, sich endlich umdrehte undnach ihr hinsah. Sie winkte ihm zu, aber da merkte der Jäger,

...

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