Mein Weg
als Deutscher und Jude

von

Jakob Wassermann

..... vis animae conturbatur et divisa
seorsum disiectatur, eodem illo distracta
veneno.
Lucrez, III. 498.

1921
S. Fischer Verlag Berlin

Ferruccio Busoni

dem Freund dem Künstler
gewidmet

Ohne Rücksicht auf die Gewöhnung meines Geistes, sichin Bildern und Figuren zu bewegen, will ich mir – gedrängtvon innerer Not und Not der Zeit – Rechenschaft ablegenüber den problematischesten Teil meines Lebens, den, der meinJudentum und meine Existenz als Jude betrifft, nicht alsJude schlechthin, sondern als deutscher Jude, zwei Begriffe, dieauch dem Unbefangenen Ausblick auf Fülle von Mißverständnissen,Tragik, Widersprüchen, Hader und Leiden eröffnen.

Heikel war das Thema stets, ob es nun mit Scham, mitFreiheit oder Herausforderung behandelt wurde, schönfärbendvon der einen, gehässig von der anderen Seite. Heute ist esein Brandherd.

Es verlangt mich, Anschauung zu geben. Da darf dennnichts mehr gelten, was mir schon einmal als bewiesen gegoltenhat. Auf Beweis und Verteidigung verzichte ich somitüberhaupt, auf Anklage und jede Art konstruktiver Beredsamkeit.Ich stütze mich auf das Erlebnis.

Unabweisbar trieb es mich, Klarheit zu gewinnen über dasWesen jener Disharmonie, die durch mein ganzes Tun undSein zieht und mir mit den Jahren immer schmerzlicher fühlbarund bewußt worden ist. Der unreife Mensch ist gewissenVerwirrungen viel weniger ausgesetzt als der reife. Dieser,sofern er an eine Sache hingegeben ist oder an eine Idee,was im Grunde dasselbe besagt, entringt sich nach und nachder Besessenheit, in der das Ich den Zauber des Unbedingtenhat, und Welt und Menschheit kraft einer angenehmen undhalbfreiwilligen Täuschung dem gebundenen Willen in denTransformationen der Leidenschaften zu dienen scheinen. Indem Maße, in dem die eigene Person aufhört, Wunder undZweck zu sein, bis sie zuletzt ein kaum gespürtes Zwischenelementwird, gleichsam Schatten eines Körpers, den mannicht kennt, noch erkennen kann, in dem Maße wächst dieSchwierigkeit und Gefährlichkeit des Lebens mit und unterden Menschen, sowie der geheimnisvolle Charakter alles dessen,was man Realität und Erfahrung nennt.

Weg- und Merkzeichen bleiben letzten Endes wenige, auchbei der genialsten Rezeption. Es hängt von der Breite desSchicksals ab, wieviel unvergeß- und unverwischbare Spurenes in der Seele hinterläßt.

1

Ich bin in Fürth geboren und aufgewachsen, einer vorwiegendprotestantischen Fabrikstadt des mittleren Franken,in der es eine zahlreiche Gemeinde gewerbs- und handelstreibenderJuden gab. Das Verhältnis der Zahl der Juden zurübrigen Bevölkerung war etwa 1:12.

Der Überlieferung nach ist es eine der ältesten JudengemeindenDeutschlands. Schon im neunten Jahrhundert sollendort jüdische Siedlungen bestanden

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