E-text prepared by Delphine Lettau and Mike Pullen
This Etext is in German.
This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
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Der Weinhüter
Paul Heyse
(1862-63)
Im September eines Jahres, dessen Stadt- und Dorfgeschichten ausMenschengedenken schon entschwunden sind, saß um die schwüleMittagszeit ein junger Bursch mitten in dem wuchernden Rebenwald, der,dicht an die Stadt Meran herantretend, die Südabhänge des Küchelbergesbedeckt. Die übermannshohen Laubengänge, in denen hier der Weingezogen wird, waren mit dem Segen dieses Jahres so beladen, daß eindunkelgrünes Zwielicht durch die langen lautlosen Gassen schwebte,zugleich eine träge stockende Glut, in der kein Luftzug Wellen schlug.Kaum wo die kleinen Felstreppen zwischen den einzelnen Weingüternschroff bergan laufen, spürte man, daß man ins Freie auftauchte. Denndas Meer von Siedeglut, das in dem weiten Talkessel wogte, schlug hierdoppelt schwer über dem unbeschützten Haupte zusammen. Auch sah manselten einen Menschen des Weges wandern. Nur zahllose Eidechsenliefen feuerfest treppauf treppab und raschelten durch das zäheEfeugestrüpp, das die Grundmauern der Rebenäcker reichlich umrankt.Die dunkelblauen Trauben mit den großen dickschaligen Beeren hingendichtgedrängt oben an der Wölbung der Laubengitter, und ein seltsamperlender Ton ward in der tiefen Mittagsstille dann und wann hörbar,als kreise vernehmlich der Saft und koche am Sonnenfeuer in dem edlenGewächs.
Der Bursch aber, der in halber Höhe des Berges einsam unter den Rebensaß, schien für diese geheimnisvolle Naturstimmung taub und ganzseinen eignen düstern Gedanken hingegeben. Er trug die uralteabenteuerliche Tracht der Weinhüter oder "Saltner", die lederne Joppe,ärmellos, mit breiten Achselklappen, an denen über den Hemdsärmeln dieledernen Manschetten durch schmale Riemen oder silberne Kettchenfestgehalten werden, Kniehosen und Hosenträger ebenfalls von Leder undmit dem breiten, daumdicken Gurt umgürtet, auf dem in weißer Stickereider Namenszug des Eigners steht, die weißen Stutzenstrümpfe mitdurchbrochenem Muster, um den Hals allerlei Zierat von Kettchen, Eber-und Murmeltierzähnen. Aber die Hauptstücke seiner Amtstracht lagenneben ihm im Grase: der hohe dreieckige Trutzhut, über und über mitHahnen- und Pfauenfedern, Fuchs- und Eichhornschwänzen verbrämt, keinekleine Last zur Zeit der Traubenreife, und die lange wuchtigeHellebarde, mit der die Saltner ihrer drohenden Erscheinung Nachdruckzu verleihen wissen, wenn ein unbefugter Eindringling in ihr Gebietnicht gutwillig das Pfandgeld erlegen will.
Tag und Nacht, ohne Ablösung, ohne Sonntagsruhe und Kirchgang, umeinen mäßigen Lohn durchstreifen diese "lebendigen Vogelscheuchen"jeder das ihm zugewiesene Revier, von der Mitte des Juli, wo dieersten Beeren süß werden, bis die letzte Traube in die Keltergewandert ist. Ihr saurer Dienst in Hitze und Nässe, obdachlos bisauf den kümmerlichen Schutz ihres Maisstrohschuppens, ist dennoch einEhrenamt, zu dem nur die rechtschaffensten Burschen ausersehen werden.Auch haben die gelinden sternklaren Nächte in der freien Höhe,während in den Häusern die Tagesschwüle kaum je verdampft, ihren Reiz,und die Besitzer der Weingüter lassen sich's angelegen sein, dieWächter mit Wein und Speisen reichlich zu versorgen, um sie beiKräften und guter Laune zu erhalten.
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