ROMAN

V · I · V · A
VEREINIGUNG INTERNATIONALER VERLAGSANSTALTEN G. m. b. H.
BERLIN SW. 61 – LEIPZIG
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Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
Schwarze Baumstämme ragen trostlos aus dem schmutziggrauenSchnee auf. Von den belebten Straßen klingeln gedämpftdie Schlittenschellen herüber. Das Herdfeuer in derKüche der alten Frau Bernstein wirft blasse Lichtarabeskenauf die schmierigen Wände, spielt auf dem Glas einer verblaßtenPhotographie, die einen Mann in Arrestantentrachtdarstellt, und läßt den Samowar aufblitzen wie Gold. Diegroßen Scheite knistern geheimnisvoll, der Samowar summtund treibt feine bläuliche Dampfwolken in die Höhe.
Die alte Jüdin sitzt vor dem Herd, neben ihr hockt aufdem Boden ein vierjähriges Knäblein, der kleine Moische.Die knochigen, abgearbeiteten Hände der Großmutter fahrenliebkosend über das dichte schwarze Haar, und die müdealte Stimme erzählt, wohl zum hundertsten Mal, des kleinenJungen Lieblingsgeschichte.
»Da die Fremden, Gott möge sie strafen, unseren herrlichenTempel zerstört hatten, gab es unter den Frommengroßes Weinen und Wehklagen, besonders ein gottliebenderJüngling namens Simon vermochte keinen Trost zu finden.Tag und Nacht strich er um die Stätte, wo der Tempel desHerrn gestanden, und weinte wie eine Mutter, die deneinzigen Sohn verloren hat. Der Schmerz riß Furchen inseine Wangen und ließ sein Gebein verdorren, so daß er dahinschritt wie ein Greis, obgleich er noch jung an Jahrenwar. Seine Stimme ward heiser vom vielen Weinen, und ersprach mit niemand ein Wort, nicht mit Vater, noch Mutter,nicht mit Bruder, noch Schwester. Nur zum Ewigen schrieer auf aus der Nacht seiner Trauer und küßte den heiligenBoden, wo der Tempel gestanden hatte.
Nicht Trank, noch Speise wollte er genießen, und alsdrei Monde vergangen waren, war er so schwach geworden,daß er nicht mehr heimzugehen vermochte. Und er lagauf dem Hügel und rief nach dem Tod.
Da erbarmte sich seiner der Herr und sandte ihm desNachts ein Gesicht. Auf die Stelle, wo der Tempel gestandenhatte, fiel aus den Himmeln helles Licht, und Simon saheine ungeheure Schar, die nahte und trug Steine in denHänden, Steine und Mauerkellen und Äxte und Hämmer.Und siehe, sie legten Stein an Stein, und meißelten undhämmerten, und andere trugen Gold herbei und Edelsteineund machten sich damit zu schaffen. Da begriff Simon,daß der heilige Tempel wieder aufgebaut würde, und seinHerz jauchzte und sprang vor Freude. Doch verwunderteihn eines gar sehr; nicht alle, die an dem heiligen Tempelbauten, waren Juden; es gab auch Fremde unter ihnen,deren Sprache er nicht verstand.
Lange sah Simon den Bauleuten zu; bisweilen aber kameiner und zog einen Stein aus dem Bau, gerade dort, wo eram nötigsten war, und dann hatten die anderen viel Arbeit,das Unheil wieder gut zu machen. Manche stürzten erschöpftzu Boden, etliche wurden von Balken tödlich getroffen,oder gerieten in Kampf mit jenen, die heimtückischden Bau zu hindern trachteten, und erlagen unter derenSchlägen. Doch kamen immer neue hinzu, und der Tempelwuchs auf, herrlich gebaut, schimmernd und gleißend im überirdischen Licht, bis daß er endlich in vo