Biographien
deutscher Classiker.
Supplement
zu der Göschen-Cottaischen Ausgabe
„deutscher Classiker.“
Drittes Bändchen.
Chr. M. Wieland.
Jena,
Verlag von Carl Doebereiner.
1853.
Chr. M. Wieland's
Biographie
von
Dr. H. Doering.
Complet in Einem Bändchen.
Jena,
Verlag von Carl Doebereiner.
1853.
Christoph Martin Wieland erblickte in dem unfernder ehemaligen freien Reichsstadt Biberach gelegenen DorfeOber-Holzheim am 5. September 1733 das Licht der Welt.Sein Vater, Matthias, der dort eine Pfarrstelle bekleidete,doch bald nachher Prediger an der Marien-Magdalenenkirchezu Biberach ward, hatte die Jurisprudenz, derer sich anfangs gewidmet, später in Halle mit dem Studiumder Theologie vertauscht. Er war ein eifriger AnhängerSpener's und des damals weit verbreiteten Pietismus geworden.Vorherrschend blieb in seinem Benehmen immereine gewisse Abgemessenheit, ein feierlicher Ernst, den ervon der priesterlichen Würde für unzertrennlich hielt. SeineLiebe zur Einsamkeit hatte zum Theil in seinen beschränktenVerhältnissen ihren Grund. Durch langwierige Processe seinerMutter hatte er sein kleines Erbtheil fast ganz eingebüßt.Mit gleicher Resignation, wie er, ertrug seine Gattin,eine geborne Kieke, die mannigfachen Entbehrungen, dieihres Mannes Lage zu fordern schien. Sie war eine stille,anspruchslose Hausfrau, die jede überflüssige Ausgabe zuvermeiden suchte. Mit inniger Liebe hing sie an ihremSohne, und diese Liebe verminderte sich nicht, als ihm nochein Bruder geboren ward, der schon früh an Engbrüstigkeitlitt, und bereits im Jünglingsalter starb.
Seiner Amme verdankte Wieland, wie er in späternJahren erzählte, seine große Liebe zur Reinlichkeit. Alsihm einst der Dreier, wofür er sich beim Gange in die Schulesein Frühstück kaufen sollte, zufällig aus der Hand fiel, konnteer sich nicht entschließen, die sehr beschmutzte Kupfermünzewieder aufzuheben. Er zog es vor, hungrig die Schule zubetreten. Ein gewisser Ernst, der ihn selbst bei seinen jugendlichenSpielen nie ganz verließ, blieb ihm in seinenKnabenjahren eigen. Von Natur war er schwächlich. Aberbei dem Unterricht, den ihm sein Vater schon im drittenLebensjahre ertheilte, entwickelten sich bald seine Geistesanlagenin reger Wißbegier, schneller Auffassungsgabe undeinem trefflichen Gedächtniß. Er war noch sehr jung, alser, außer einer gründlichen Kenntniß des Lateinischen undGriechischen, auch in der Mathematik, Logik und Geschichtebedeutende Fortschritte gemacht hatte. Mit einer sehr regenPhantasie verband er Wärme und Innigkeit des Gefühls.Durch seine Gemüthsanlagen, vielleicht auch durch das Beispielseines Vaters neigte er sich früh zur religiösen Schwärmerei.Verändert ward diese Geistesrichtung durch das mitgroßem Eifer von ihm betriebene Studium der römischenund griechischen Classiker. Die Lebensbesch