Im Hause des Professors Khuenbeck,eines angesehenen Wiener Arztes,war große Gesellschaft. Man hattereich getafelt, die Unterhaltungwar im besten Fluß, und wie auf vieleandere Dinge kam die Rede auch auf dieKinder. Eine Dame, die vor kurzem dasTöchterchen des Hauses flüchtig gesehenhatte, rühmte dessen besondere Schönheitund Lieblichkeit. Frau Khuenbeck lächeltegeschmeichelt, einige andere Damen gabenihr Verlangen kund, das Mädchen zu sehen,den Hinweis auf die späte Stunde ließensie nicht gelten, und sie wandten sich an denProfessor, der, unschlüssig und wie beschämt,nicht wußte, wie er die Bitte aufnehmensollte. Indessen hatte Frau Khuenbeck, dieeiner eitlen Regung nicht zu widerstehenvermochte, einem der Dienstboten einenWink gegeben und ging dann selbst in dasZimmer, wo ihre beiden Kinder schliefen,der zweijährige Ferdinand und die sechsjährigeOlivia.
Schon saß Olivia auf dem Schoß desDienstmädchens, die Augen voll Schlaf;es wurde ihr ein Atlaskleidchen angetan,die Haare wurden ihr gekämmt, weißeStrümpfe und weiße Schuhe kamen an dieBeinchen, und so trug sie die Mutter in diestrahlend erleuchteten Räume hinüber. DieGäste scharten sich um Mutter und Kind;ein Laut der Überraschung und Befriedigungtönte ihnen entgegen. Olivia blicktevoll Angst und Zagen in die vielen fremdenGesichter, deren Neugierde und Erstaunenihr unbegreiflich waren.
Abseits von allen stand ein junger Mannund schaute still auf die Gruppe. Er dachte,daß der Professor dem Schauspiel ein Endebereiten werde; da dies aber nicht geschah,rief er plötzlich mit scharfer, ja barscherStimme aus: »Gnädige Frau, stecken Siedoch den armen Wurm wieder ins Bett;den Rummel wird er ohnedies bald genugkennen lernen.«
Alle lachten; Frau Khuenbeck erröteteund trug das Kind schnell hinaus.
Olivia hatte die Worte gehört und verstanden;sie bewahrte dem, der sie gesprochen,heimlichen Dank. Der junge Mann verkehrteoft im Hause; bald wußte sie seinenNamen; er hieß Robert Lamm und wardamals noch ein unbeachteter Beamter imMinisterium.
Stets, wenn sie ihn sah, hatte sie dasselbeDankgefühl; in Stunden kindlicherBedrängnis tauchte ihr sein Bild als daseines Helfers auf. Er war die Verkörperungeiner strengeren Schutzgottheit neben dersanften des Vaters.
Wenn der Professor an seinem Schreibtischsaß, geschah es oft, daß sich Oliviains Zimmer stahl, sich ganz leise auf denTeppich zu seinen Füßen niederließ undin Büchern und in Heften blätterte, dieauf dem Boden aufgeschichtet lagen. Meist[2]bemerkte sie der Professor erst, wenn er dieFeder weglegte und sich erhob; dann sagteer: »Du bist da, Kind?« und lächelte.Olivia war glücklich, daß es ihr gelungenwar, ihn nicht zu stören.
Manchmal machte er kleine Spaziergängeim Park, dann nahm er Olivia mitund führte sie an der Hand. Verwundertbetrachteten die Leute das schöne Kind.Olivia glaubte jedoch immer, daß sie nachdem Vater sahen, der so nachdenklich undvoll Würde dahinschritt. Sie war stolzauf ihn.
Einst hatte Olivia die Mutter belogen.Sie war mit dem Fräulein im Prater gewesenund hatte gesagt, sie sei bei ihrerTante, Frau von Scheyern, gewesen. IhrBruder Ferdinand hatte sie in aller Unschuldverraten. In der Entrüstung darüberforderte die Mutter, daß sie zur Strafe ineiner Ecke knien sollte. Olivia weigertesich aber mit solcher Leidenschaft, daß dieMutter immer mehr in Zorn geriet. Dakam der Professor in die Stube; ihn sehenund an seinen Hals stürzen, war fü